Traditionelle Spielweisen

Als traditionelle Spielweisen im engeren Sinne bezeichnen wir ausschließlich solche, die sich auf die (seit der Zeit vor der Kolonialisierung) überlieferte und fortdauernde Verwendung des Didgeridoo in verschiedenen kulturellen Gruppen der Australier (Aborigines) beziehen. Im weiteren Sinne können auch jüngere Spielstile als traditionelle Spielweisen bezeichnet werden, sofern die generationsübergreifende Weitergabe dieser Spielweisen auf die Pflege und den Erhalt des kulturellen Erbes einer spezifischen Community abzielt.

Der Begriff


Als traditionelle Spielweisen im engeren Sinne bezeichnen wir ausschließlich solche, die sich auf die (seit der Zeit vor der Kolonialisierung) überlieferte und fortdauernde Verwendung des Didgeridoo in verschiedenen kulturellen Gruppen der Australier (Aborigines) beziehen. Im weiteren Sinne können auch jüngere Spielstile als traditionelle Spielweisen bezeichnet werden, sofern die generationsübergreifende Weitergabe dieser Spielweisen auf die Pflege und den Erhalt des kulturellen Erbes einer spezifischen Community abzielt. In diesem Artikel werden lediglich die traditionellen Spielweisen im engeren Sinne behandelt.

Missverständlich und verallgemeinernd wird inzwischen oftmals von dem traditionellen Stil gesprochen, womit zumeist nur die Spielarten der Volksgruppe der Yolngu aus Nordost-Arnhemland gemeint sind.
Es gibt allerdings noch weitere traditionelle Stile in anderen nördlichen Gebieten. So werden allein in Arnhemland grob nordöstliche, östliche, zentrale, westliche und südliche Stile unterschieden, hinzu kommen Varianten der benachbarten Inselgruppen (z.B. Groote Eylandt). Innerhalb dieses Rahmens gibt es wiederum verschiedene lokale und auch persönliche Varianten.

„Traditionell“ meint keine alte, vergangene Sichtweise. Vielmehr unterliegen auch die traditionellen australischen Musikstile Veränderungsprozessen, bedingt durch den sozio-kulturellen Wandel im Rahmen einer modernen, dynamischen Gesellschaft. Dies äußert sich unter anderem in stilistisch individuellen Ausprägungen und damit verbundenen Veränderungen und Anpassungen, ähnlich wie es auch in den australischen Sprachen geschieht.
Auch in anderen Regionen Australiens wird das Didgeridoo von den Aborigines gespielt (beispielsweise in Queensland, woher ein größerer Teil der heutigen Didgeridooimporte stammt). Es sind dieses jedoch Gebiete, in die das Didgeridoo erst in jüngster Zeit von außen eingeführt wurde. Dies geschah meist durch die weißen Siedler, durch den Tourismus, durch persönliche Kontakte zwischen entfernten Stammesgruppen aufgrund von steigender Mobilität oder durch die sich ausbreitende moderne Kunstbewegung seit den 60er Jahren. Diese Stile haben in dieser Zeit ihre eigenen Erscheinungsformen entwickelt. [1]

Hauptstile


Eine anerkannte musikwissenschaftliche Kategorisierung unterscheidet  Bunggul, Kunborkk und Wangga- Stile als die drei wichtigsten übergeordneten Stilrichtungen traditioneller Musik, die sich allerdings nur teilweise eindeutig geographisch festlegen lassen. Diesen übergeordneten Musikstilen wurden von der Musikethnologin Alice Moyle zwei grundlegende traditionelle Didgeridoospielweisen kategorial zugewiesen: „Didgeridoo-Begleitung Typ A“ und „Didgeridoo-Begleitung Typ B“. [2]

Charakteristiken


Traditionelle Didgeridoo-Musik ist für europäische oder 'westliche' Ohren häufig schwer zugänglich; auch die (teils sehr subtilen) Besonderheiten der unterschiedlichen Spielstile und -techniken erschließen sich für Laien und ungeübte Hörer selten auf Anhieb.
Gute Beispiele für traditionelle Stile finden sich etwa auf:
  • einigen älteren Aufnahmen, höre z.B. die Songs From The Northern Territory, Vol.1-5 von Alice Moyle (Hrsg.) [3] oder die CD Arnhemland Popular Classics,
  • der Diltjimurru-CD der Gurruwiwi-Familie (Djalu Gurruwiwi et al.),
  • der Contemporary-Masters-Serie der Yothu-Yindi-Foundation (u.a. mit Djalu Gurruwiwi),
  • den CDs von Yothu Yindi, besonders auf Homeland Movement,
  • CDs von und mit der Gruppe White Cockatoo und/oder von David Blanasi.
  • Einigen Videos auf youtube.com, insbesondere des Kanals von "ididj Australia" (s.u.)


Zur Illustration hier ein Videoausschnitt des "Idij"-Kanals auf youtube, den wir zur Vertiefung in die Materie ebenfalls empfehlen. Matjaki spielt drei Rhythmusfragmente, die typische Elemente traditionellen Spiels aufweisen (Didgeridoo-Begleitung Typ B).




Traditionelle Spielweisen zeichnen sich durch einige Klang- und Strukturmerkmale aus, die auch (Hör-) Einsteigern auffallen dürften. Hier eine (nicht repräsentativ gemeinte) Auswahl:
a.    Strukturell:
  • Die Stücke sind meist sehr kurz (eine halbe bis drei Minuten) und repräsentieren oft nur einen Ausschnitt aus einer längeren Folge von Stücken, die einen Liedzyklus ergeben.
  • Das Didgeridoo wird fast nie solo gespielt, außer zu Übungs- oder Vorführzwecken.
  • Der Gesang ist dominant.
  • Clapsticks geben oft das Zeitmaß (Metrum oder englisch timing) vor,
    die Rhythmen des Yidaki 'umspielen' dieses Timing.
  • Wird ein solches Stück unvermittelt gehört, entsteht manchmal der Eindruck, dass der Spieler sich verfranst oder gar völlig unrhythmisch spielt. Tatsächlich aber werden nach einem sehr genau vorgegebenen Muster  Rhythmusfragmente anders kombiniert, variiert und versetzt. [2]

b.    Klanglich:
  • Der für neuzeitliche Stile typische Wok-Ton der Zirkularatmung fehlt völlig.
  • Die typischen neuzeitlichen Obertöne, also die vokal-ähnlichen bis melodiösen Töne (A-E-I-O-U etc.), fehlen oder schwingen nur unterschwellig mit, ebenso die abgehackten Anschläge (etwa wie ta-ke-ti).
  • Stattdessen werden 'flirrende' Obertöne hörbar, die überwiegend durch Zurückroll- und Vibrationsbewegungen der Zunge entstehen und in den lokalen Sprachen eine Entsprechung finden (deswegen sind diese Töne für Europäer zum Teil ausgesprochen schwer erlernbar...).
  • Die Tonhöhe variiert oft stark während des Spieles und ermöglicht verschiedenste perkussive Aspekte,
  • Der 'Trompetenton' (toot) bekommt häufig den Klangcharakter einer angeschlagenen Trommel.

Diese Eigenschaften werden auch durch die konische Form des Yidaki in den Yolngu-Stilen begünstigt.  In den traditionellen Stilen West-Arnhemlands spielen die letztgenannten Merkmale nur eine geringe Rolle.

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[1] Bekannte Vertreter von modernen aboriginalen Stilen sind z.B. Mark Atkins, Ash Dargan, Alan Dargin, Matthew Doyle, David Hudson, Richard Walley u.a.
[2] Für vertiefende Infos hierzu empfehlen wir generell die Aufsätze von Peter Lister (auf www.manikay.com); die Hörbeispiele auf www.manikay.com und das (online derzeit leider nicht mehr verfügbare) Essay von Murray Garde ‚The didjeridu in Maningrida’. Für kulturelle Grundlagen und Hintergründe zu allen wichtigen Aspekten des Yidakis in Nord-Ost-Arnhemland mitsamt audio-visueller Originaltöne von Yolngu-Elders und –Persönlichkeiten ist seit 2007 zudem die Webseite www.yirrkala.com/yidaki/dhawu/  unverzichtbar.
[3] Die Musikethnologin Alice Moyle dokumentierte und analysierte in den 60er Jahren umfassend die traditionelle Musik Australiens.

[AS/HS]